Archiv für den Monat: August 2004

Wie jüngst bestätigt, sind Fragen der Orthographie sehr emotionale und persönliche Angelegenheiten. Nicht ohne Grund verhalten sich die Franzosen beim Erhalt ihrer Sprache sehr eigen und schaffen beispielsweise für Fremdwörter regelmäßig Eigenkreationen, wie den ordinateur für den Computer oder die courrier électronique für die Email.

Veränderungen in der Sprache entwickeln sich gewöhnlich nur langsam und über längere Zeiträume. Sollte man auf die Idee kommen, sie vorsätzlich verändern zu wollen – selbst mit guten Absichten -, wäre es angebracht, diese Besonderheiten zu berücksichtigen und sehr behutsam vorzugehen. Kein Wunder, daß viele Menschen die jüngst verordnete Neuregelung als arrogante Obrigkeitsverordnung empfinden. Von einer demokratisch legitimiert Entscheidung kann auch nicht wirklich die Rede sein, wenn die Kritiker die Rechtschreibkommission zuvor im Streit verlassen haben und die beschließende Kultusministerkonferenz keine Erwähnung in unserem Grundgesetz, das die demokratisch legitimierten Verfassungsorgane aufführt, findet. Ein großer Unterschied, warum die letzte Reform von 1901 leichter Anklang fand, ist der Umstand, daß sie größtenteils eine Bestätigung des bereits üblichen war.

Das aktuelle Reförmchen, das nicht einmal die gemäßigte Kleinschreibung (nur Satzanfänge und Eigennamen werden groß geschrieben) einschließt, ist nicht der Stein der Weisen, für den er verkauft wird, sondern weist ebenfalls zahlreiche Unzulänglichkeiten auf und schafft neue Fehlerquellen, die sich Gegner und Befürworter ausgiebig präsentieren. Nebenbei bemerkt haben es die Deutschen beim Vergleich der europäischen Schriftbilder, abgesehen von den Spaniern, am Leichtesten beim Schreiben. Es bestand somit nicht einmal ein dringender Handlungsbedarf.

Daß die neue Rechtschreibung weniger Regeln hat, ist auch nicht korrekt. Man hat einfach die Paragraphenaufteilung des alten Duden aufgelöst und neu gruppiert. Früher eigenständige Regeln sind zu Unterpunkten geworden. Zählt man den Wortumfang aus, stellt man fest, daß das neue Regelwerk umfangreicher geworden ist. Kein Wunder, mußte man die ganzen „Man-kann-wenn-man-will-vielleicht-muß-aber-nicht“-Ausnahmen aufnehmen. Lernt jemand, was er auch weglassen kann? Ist bestimmt nur ein fauler Kompromiß, um die Kritiker zu beschwichtigen.

Schlupp wird weiterhin versuchen, sich an die alten Regeln zu halten, denn…
– Durch die sparsamen Kommaregeln werden Sätze beispielsweise bei Infinitivkonstruktionen mit zu vollkommen unstrukturiert, und man stolpert ständig beim Lesen. Es muß teilweise mehrfach nachgelesen werden, um den Sinn zu verstehen.
– Die Anreden „Du“ und „Sie“ bitte ich mir aus Ehrerbietung in Großbuchstaben aus. Da bin ich altmodisch.
– Beim Eindeutschen von Fremdwörtern ändert sich das Schriftbild so stark, daß sie beim Lernen von Fremdsprachen keine nützliche Hilfe mehr sein werden. Außerdem bekommen die Worte ganz andere Qualitäten. Sauce ist etwas cremig leichtes, wohingegen Soße eine braune klumpige Tunke ist. Schreiben wir für das Taschentelephon demnächst „Händi“ (Ohnehin ein von Werbestrategen geschaffenes Kunstwort, das im englischsprachigen Raum gänzlich unbekannt ist)?

Bei real,- im Ringcenter kann man seine Einkäufe jetzt selber abkassieren. Endlich werden Kindheitsträume wahr.
Vorteilhaft ist, daß die Warteschlangen an den Selbstbedienungskassen kürzer sind und es die Einkauftüten gratis gibt.

Vorhin war ich in Hohenschönhausen. Merkwürdige Leute laufen da umher. Hauptgesprächsthema in der S-Bahn und auf der Straße war Hartz IV.