Archiv für den Monat: Juni 2002

Ich liebe es, wenn ich Husten habe, da er jedesmal nicht verschwinden will, und ich meine Atemwege ewig mit diversen Medikamenten zudonnern darf, um ihn wieder loszuwerden. Diese Woche im Angebot: Codipront. Im Beipackzettel dieses modernen Hustentherapeutikums ist u.a. zu lesen: „Codein besitzt ein primäres Abhängigkeitspotential. Bei längerem und hochdosiertem Gebrauch entwickeln sich Toleranz sowie körperliche und seelische Abhängigkeit. Es besteht eine Kreuztoleranz zu anderen Opiaten.“

Mir fällt auf, selber noch gar nicht groß meinen Kommentar zum CSD-Wochenende abgegeben zu haben. Wohl zu viel bei anderen (tOrStEn &  Jan) gelesen und jetzt das Gefühl, es wurde schon alles gesagt. Das läßt sich ändern.
Unser Besuch ist bereits zu einer studentenunfreundlichen Zeit aufgestanden, um sich früh auf den Weg zu machen und die besten Plätze auf einem der Wagen zu sichern. Meine Wenigkeit hat den Tag lieber gemütlich angehen lassen und sich erst gegen 14°° Uhr den Mike geschnappt, um die Straßen unsicher zu machen. Zunächst waren wir damit beschäftigt, die Lage zu sondieren (Da wurden mal ganz schnell knackige Polizisten am Straßenrand geküßt, ohne das sie mitbekamen, wie ihnen geschah.), die ausnahmsweise brauchbaren Giveaways einzutüten (Die neuen X-CITE schmecken nicht, das Nivea-Beautycase ist hautfreundlich, was ich mir für 5,- € bei Conrad gönnen werde, weiß ich noch nicht…) und unsere wartenden Anhängsel zwischen Zoo und Wittenbergplatz einzusammeln. Die Stimmung fand ich dieses Jahr ausgesprochen angenehm und ausgelassen, es gab viel zu gucken und die Leute verbreiteten eine Partylaune, wie noch nie.
Als wir endlich alle beieinander waren, haben wir uns in die U-Bahn geschwungen, um den Wagen von Onkel Ralfs Partypatrol einzuholen, denn dort feierten bereits die wirklich interessanten Schnitten (1,2,3,4,5,uvm.). Ãœbrigens einer der Wagen mit politisch korrekter Demoaussage. Im Gegensatz zur Loveparade vertritt der CSD diesen Anspruch noch zurecht.
Erst wollte ich ja nicht rauf, aber die haben oben so gebettelt (siehe 1,2,3 & 5) *g*, und da wir eh schon das meiste gesehen hatten, und uns die Füße nicht mehr weit getragen hätten, sind wir allesamt hoch. War richtig lustig und Disco Dice haben die korrekte Mucke zum Tanzen aufgelegt. Auf den Wagen hat man einen wirklich guten Überblick und kann ausgiebig mit den gemächlich vorbeiziehenden Leuten am Straßenrand flirten.
Nach einem kurzen Abstecher zur Abi-Gartenparty von Frau Hanne und Melanie klang der Abend im Club International aus. War, bis auf das „Freigehege“ zur Straße, eigentlich wie immer und somit reichlich überteuert. Dafür war Biggy van Blond lustig drauf und lieferte in ihrer kleinen Sauna eine witzige Show (Die Musik geht aus, Biggy nicht da und aus dem Hintergrund tönt eine Stimme: „Ok, ok, tut mir leid, aber jeder muß mal pinkeln“).

Was haben löchrige Jeans, das Schlaghosen- und 70er-Revival und süße Partygetränke, bei denen man den Alkohol nicht schmeckt, gemeinsam? Schon lange, bevor diese Dinge angesagt waren, wurden die Ideen dazu von mir erdacht. Die original Levis mit Schlag meines Bruders habe ich bereits in der 9. Klasse fleißig getragen, und Rigo & Co erfreuen sich momentan großer Beliebtheit.
Für die kommende Trendsaison sage ich voraus, daß demnächst „Sonnentatoos“ der letzte Schrei sein werden. Sprich, man klebt oder kremt sich ein schickes Symbol auf den gestählten Body, und die Sommersonne erledigt den Rest.

Der gestrige Schmeichler des Abends im Sternradio: „Sag mal, bist Du 19 oder 20?“

Das tolle daran, wenn man sich Besuch zum CSD einlädt, ist, daß er den wiiiiiiirklich überdimensionalen Abwasch in der Küche beseitigt und Brötchen zum Frühstück besorgt. Was für ein Service. Ich sollte vielleicht häufiger Besuch einladen?!? Ach ja: Guten Morgen!

Das gute Stück für kühle Butter: Der Shadowman

In diesen längsten Tagen des Jahres, wenn die Sonne schon frühmorgens unbarmherzig auf die Balkone und Terrassen niederbrennt, ist seine Stunde gekommen: Der Shadowman verhindert wirksam, daß die Butter auf dem Frühstückstisch zerläuft, die Milch sauer wird und die Marmelade suppt. Mit wenigen Handgriffen ist der kleine Speiseschattenspender entfaltet. Das beschirmende Rechteck (ca. 30×40 cm) sorgt dafür, daß die Temperatur auf den Tellern um bis zu 15 Grad niedriger bleibt, als im Sonnenlicht – dank seiner Scharniere läßt sich der Neigungswinkel dem Sonnenstand anpassen. Und weil der Shadowman nur ein knappes Kilo wiegt, paßt er sogar ins Picknickgepäck. (Anzeige aus der Kulturbeilage des Tagesspiegels vom 20. Juni 2002)

Für nur 39,95 Euro! Momentan finde ich mein Tagesspiegelabo richtig amüsant.

Ooh, es funktioniert wieder. :-) Dann haut mal in die Tasten und gebt Eure Kommentare ab. Bald habe ich übrigens mein eigenes schickes Kommentierungssystem und zwar mit PHP und so.

Das große Groschenglück – „Schwester Cordula liest Arztromane“

Man hatte ihn fast vergessen, den deutschen Arztroman. Oberärzte greifen mit ihren gepflegten Chirurgenhänden nach dem Operationsbesteck, während die Assistenzärztin vor Sehnsucht vergeht. „Da ist seine hohe Stirn, da sind seine stahlgrauen, zwingenden Augen, das kühne Profil, das energische Kinn, die sportgestählte Gestalt, alles an ihm ist Kraft und Vitalität. Ein Mann, dessen faszinierender Ausstrahlung sich keine Frau entziehen kann!“, denkt es in ihr. Doch leider verliebt sich der Oberarzt in die Patientin Sabine Freytag, eine „Fachärztin für Frauenleiden“ übrigens, die tragischerweise unter Gedächtnisverlust leidet. „Sie ist das Glück, das Leben in seiner ganzen berauschenden Schönheit. Sie ist die Frau, die er sein Leben lang gesucht hat. Ein Stöhnen entringt sich seiner Brust. Ein verzweifelter Schmerz krampft sein Herz zusammen.“
Solche Sätze gibt es derzeit in der Galerie Kampl in Mitte zu hören, und zwar jeden Donnerstag ab acht aus dem Munde von Schwester Cordula. Ihr Kittel ist blendend weiß, sie hat die schlanken Beine übereinandergeschlagen. Energisch blättern ihre gepflegten Finger die Seiten der Groschenhefte um. Schwester Cordula kommt zum ersten Auftritt des Oberarztes: „Ich bin Oberarzt Doktor Rolf Bertram! Wie fühlen Sie sich? Irgendwelche Beschwerden?“ Die Zuhörer in der Galerie stöhnen auf, doch sie wissen, sie müssen da durch. […]
Mittlerweile hat sich eine Fangemeinde gebildet, die nach den Lesungen über Arztromane diskutiert. Er arbeite im Krankenhaus, sagt ein junger Herr in einem völlig unironischen karierten Hemd, „und ich muß sagen, die Realität ist noch schlimmer“. Schwester Cordula nickt triumphierend.
[…] Doch auch die beste Realität kommt nicht an das Happy End heran, das der deutsche Arztroman bereithält […]: „Ja, Sabine! Ich liebe Sie, wie man einen Menschen liebt, mit dem man sein ganzes Leben zusammen sein möchte! Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn Sie meine Frau werden könnten“, entfährt es Oberarzt Doktor Rolf Bertram, worauf Sabine ihre zitternden Lider hebt. Ihr Gesicht ist von einem inneren Licht durchglüht. „Ich… ich liebe Dich auch, Du wunderbarer Mensch, Du“, stammelt sie. Es ist neun Uhr siebzehn. Die heile Welt hat Feierabend.
(aus „Der Tagesspiegel“ vom 20. Juni 2002)